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Offene Jugendarbeit im Saarland

Entwicklung - Stand - Perspektiven (2002)

Entwicklung der Offenen Jugendarbeit

Angebote der offenen Jugendarbeit haben in den letzten Jahren einen starken Bedeutungszuwachs zu verzeichnen. Dies drückt sich u.a. in der stark steigenden Anzahl der meist  selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreffs im Saarland aus die im Jahr 2002 auf ca. 110 Einrichtungen und Initiativgruppen angestiegen ist. (Vergleichszahl 1990: 22 Jugendzentren, Jugendtreffs)

In Abhängigkeit von den unterschiedlichen sozialstrukturellen Bedingungen im Saarland, der Stärke und der jugendkulturellen Zugehörigkeit der Initiativgruppe, dem Rückhalt durch Kommunalpolitik, Jugendpflege und Öffentlichkeit und den räumlichen Voraussetzungen konnten sich unterschiedliche Typen von Jugendzentren und Jugendtreffs etablieren. In der gewünschten Vielfalt der Erscheinungs- und Organisationsformen der Treffs spiegeln sich auch unterschiedliche Entscheidungs- und Handlungsfreiheiten der Jugendlichen. Neben den kleineren Jugendtreffs in den ländlichen Gemeinden (Bsp. flächendeckend Rehlingen-Siersburg) haben sich in größeren Städten und Gemeinden selbstverwaltete Jugendzentren mit einem eigenen jugendkulturellen Profil etabliert (Bsp. Lebach, Blieskastel, St.Ingbert). Daneben entwickeln sich auch dezentrale  Angebote in den Stadtteilen der Kreisstädte.

Neben den selbstverwalteten Einrichtungen gibt es aufgrund der schwierigeren sozialstrukturellen Bedingungen auch einen Ausbau der kommunalen offenen Jugendarbeit mit der Entwicklung hin zur Jugendsozialarbeit. Hier sei der Stadtverband Saarbrücken mit seinen 16 Einrichtungen erwähnt.

Vielfach wird die Einrichtung von Offenen Jugendarbeitsangeboten als notwendige Infrastrukturmaßnahme der Kommunen im Jugendbereich gesehen und sowohl durch die kommunalen Fachkräfte der Jugendarbeit als auch durch die kommunalpolitisch Verantwortlichen in Form der Bereitstellung von Räumen unterstützt. Insbesondere bei den kommunalpolitisch Verantwortlichen ist ein Sinneswandel feststellbar. Dies drückt sich darin aus, dass einige Jugendtreffgründungen auf Initiative der Ortsvorsteher erfolgten. Hierzu muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass die zunehmende Akzeptanz seitens der Kommunalpolitik auch darauf zurückzuführen ist, dass eine stärkere Indienstnahme der Jugendarbeit für ordnungspolitische Interessen (z.B. auffällige Jugendliche aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit holen) befürchtet werden muss.

Die  Akzeptanz von Jugendzentren und Jugendtreffs durch Kommunalpolitik und Öffentlichkeit ist allerdings noch nicht durchweg gegeben. Immer noch haben Jugendliche, die sich für einen Jugendtreff engagieren, auch gegen tradierte Vorurteile und Widerstände zu kämpfen. Aufgrund solcher Widerstände können sich Jugendtreffgründungen erheblich verzögern (Bsp. Überherrn) oder gänzlich scheitern (Bsp. Körprich)

Bedingungsfaktoren des Bedeutungsgewinns offener Jugendarbeit

Als soziologischer Hintergrund für diese Entwicklung werden in der Jugendforschung, neben anderen Faktoren, die steigende Bedeutung jugendlicher Peer-Groups als zentrale Sozialisationsinstanzen für Jugendliche und deren räumliche Verortungsversuche gesehen.

Biographische Verlaufsformen oder die Chancen und Probleme der Lebensführung lassen sich heute nur noch bedingt vor dem Hintergrund traditioneller Sozialisationsinstanzen wie Familie oder Schule diskutieren. Zunehmende Bedeutung erfährt die Gleichaltrigen-Gruppe. Damit einhergehend ist ein wachsender Bedarf und das gestiegene Bedürfnis nach Freiräumen von Seiten der Jugendlichen zu beobachten. Alternative Raumangebote, die  weder pädagogisch überfrachtet sein sollen, noch zwangsläufig institutionell-personell begleitet werden müssen, gewinnen an Bedeutung. Jugendliche Orientierungen, Sinnfindung, Antworten auf Lebensprobleme sind stärker denn je auch abhängig von und rückgebunden an sogenannte sozial-räumliche Gelegenheitsstrukturen, an die Möglichkeiten und Grenzen von Raumaneignung. Aus dieser Bedürfniskonstellation erwächst das gestiegene Engagement Jugendlicher für einen Jugendtreff und die gestiegene Verantwortung der öffentlichen Jugendhilfe zur Unterstützung der Jugendinitiativen.

Gleichzeitig wird aber auch die abnehmende Bereitschaft Jugendlicher für längerfristiges verbindliches Engagement festgestellt. Aus dieser widersprüchlichen Interessenlage erwächst zusätzlich der steigende Unterstützungsbedarf für Jugendzentren und Jugendtreffs.

Organisationsstrukturen in der offenen Jugendarbeit

Die Alltagsangebote der Offenen Jugendarbeit im Saarland werden mehrheitlich von ehrenamtlich engagierten Jugendlichen mit einer unterschiedlich starken Anbindung an die kommunale Jugendpflege organisiert. Eine Ausnahme bildet hier der Stadtverband Saarbrücken mit seinen 16 kommunalen Jugendzentren.

Bei der Trägerstruktur der Einrichtungen gibt es den klassischen Jugendzentrumsverein als Träger des Treffs, der über Nutzungsverträge mit der Gemeinde eine relativ große Handlungsautonomie besitzt (Bsp , Blieskastel, Illingen...) über eine Mischform der Trägerstruktur, bei der ein nichteingetragener Verein unterstützt von der Jugendpflege die Verantwortung trägt (Bsp. Gemeinde Rehlingen-Siersburg...) bis hin zu den kommunalen Jugendhäusern mit unterschiedlicher Ausprägung der Selbst- und Mitgestaltung der Jugendlichen (Bsp. Saarwellingen, Dillingen).

Der Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung hat aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Voraussetzungen weitergehende Modelle der unterstützten Selbstverwaltung entwickelt. So werden in einigen Jugendzentren Zivildienstleistende zur Unterstützung der Ehrenamtlichen eingesetzt. Ein weitergehendes Modell ist ein Jugendzentrum in Trägerschaft des Verbandes, bei dem die offenen Angebote von den Jugendlichen selbst organisiert werden und eine Fachkraft bei Bedarf pädagogische Hilfestellungen gibt.

Eigenverantwortlichkeit und Selbstbestimmung als zentrale Bedürfnisse der Jugendlichen und daher wichtige Prinzipien der Jugendarbeit sollten bei der Zielformulierung der Organisationsstrukturen im Vordergrund stehen.

Motivation der ehrenamtlich engagierten Jugendlichen

Ein Engagement für den Jugendtreff ist stark zeitaufwendig. Oftmals wie ein großer Teil der Freizeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von der Arbeit im Vorstand und Team des Vereins, von Thekendienst, Vorbereitungszeiten, Putzen, Aufräumen und Organisationsarbeiten beherrscht. Ein solches Engagement setzt eine starke Identifikation mit der Einrichtung voraus. Konstituierend für die Arbeit im Treff ist für die Jugendlichen daher der Grundgedanke der Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbstorganisation. Wer sich für in und für den Jugendtreff engagiert, will auch selbst die Verantwortung für die Arbeit und für das Gelingen im Jugendtreff übernehmen, will sich nicht durch Regularien, Vorschriften, Hineinreden, übermäßige Kontrolle in seiner Autonomie beschneiden lassen.

Für den Bestand einer Einrichtung der Offenen Jugendarbeit sind verbindliche Strukturen notwendig. Der Prozeß der Selbstorganisation muß solche Verbindlichkeiten schaffen. Motivation für die Übernahme von Verantwortung entsteht nur,  wenn schrittweise positive Erfahrungen damit gemacht werden können. Dieser Prozeß ist eng verknüpft mit der Entwicklung einer Identifikation mit dem Jugendtreff. Gleichzeitig kann für die Jugendlichen die erfolgreiche Übernahme von Verantwortung sehr befriedigend sein, da die Wichtigkeit der eigenen Person im sozialen Umfeld so einen Ausdruck  findet.

Probleme, Konflikte in selbstverwalteten Jugendtreffs

Meist steht einer Gruppe von ehrenamtlichen Aktiven  in den Treffs eine Vielzahl von BesucherInnen gegenüber, die teilweise selektiv die Angebote des Treffs nutzen, sich aber nicht weiter in die Organisation einbinden lassen. Die Aktiven in den Jugendtreffs geraten dann häufig in die für sie schwierige Situation, wenn sie gegenüber Gleichaltrigen die Rolle als ?Verantwortlicher? oder ?Aufpasser? einnehmen müssen. Zudem haben bei Problemen gerade diese engagierten Jugendlichen sowohl von außen wie auch von innen, von der Gemeinde wie auch von den BesucherInnen her eine undankbare ?Prellbockfunktion? einzunehmen.

Heterogene Besuchergruppen und unterschiedliche Interessenslagen in den Jugendtreffs können in einigen Fällen die Atmosphäre der Treffs zusätzlich negativ beeinflussen und  zu einem Rückzug der Verantwortlichen führen. In vielen Treffs bedingt die Ablösung eines Aktivenstammes zwangsläufig das Abbröckeln des dazugehörigen Stammpublikums (und umgekehrt), es entstehen ?Generationenlücken?, in denen es an fähigen und engagierten Jugendlichen zur Leitung des Treffs mangeln kann bis die nächste Jugendgeneration den Treff ?erobert?. Diese für Jugendtreffs typischen ?Wellenbewegungen? bieten immer auch unverzichtbare Lern- und Erfahrungsfelder für Jugendliche.

Ein entsprechend fairer, diesbezüglich sensibler und rücksichtsvoller Umgang mit den Jugendtreffteams von Seiten der Gemeinde ist aufgrund der beschriebenen strukturellen Krisenanfälligkeit der Jugendtreffarbeit kontinuierlich einzufordern, gekoppelt mit einer Bestandsicherung der Räume für die Offene Jugendarbeit.

Leistungen der offenen Jugendarbeit

Lokale wie regionale Räume und Territorien, die als Treffpunkte und als Orte selbstbestimmter Freizeitgestaltung dienen, bedeuten für junge Menschen Lern-, Erfahrungs- und Erlebnisräume, in denen sie unter sich sein können, und die Chancen zur Verantwortungsübernahme, Kreativität und Eigeninitiative bieten. Gerade auch im ländlichen Raum stellen solche Räume eine wesentliche Bereicherung der Kontakt- und Begegnungsmöglichkeiten für Jugendliche und junge Erwachsene dar.

In der Fachliteratur ist die Qualität der Angebote der Offenen Jugendarbeit für Jugendliche vielfach beschrieben. Sie muß hier nicht konkret ausgeführt werden.

Perspektiven der offenen Jugendarbeit

Aufgrund der veränderten Lebenslagen Jugendlicher erhält die sozialräumlich orientierte Jugendarbeit zunehmend Gewicht. Die Offene Jugendarbeit und vor allem ihre Bedeutung als wesentlicher Teil der sozialen Infrastruktur der Kommunen für Jugendliche mit den zentralen Merkmalen Offenheit, Bedürfnisorientierung und Selbstorganisation wird weiterhin an Bedeutung gewinnen. 

Die Notwendigkeit der Verbreiterung des Angebots ergibt sich aufgrund der bereits beschriebenen Ausweitung des Bedarfs von Jugendlichen an Treffmöglichkeiten.

Bei der Entwicklung hin zu einem flächendeckenden und bedarfsgerechten Ausbau der Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit zeigen sich im Saarland unterschiedliche Entwicklungsstände in den einzelnen Kommunen. Hier ist auf die Schließung von Versorgungslücken unter Berücksichtigung einer differenzierten Angebotsstruktur für die unterschiedlichen Jugendszenen und weitgehender Selbstorganisation der Jugendlichen hinzuwirken. 

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