Erster Preis: juz-united/Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung
Aktivität: Förderung und Unterstützung selbstverwalteter Jugendzentren, Jugendtreffs und Jugendclubs im Saarland. Qualifizierung der Ehrenamtlichen, Lobbyarbeit, Projekte gegen Rechtsextremismus.
Einschätzung und Begründung der Jury
Die Organisation ist ein Zusammenschluss selbstverwalteter saarländischer Jugendzentren und dient der Förderung und Unterstützung selbstverwalteter Jugendzentren, Jugendtreffs und Jugendclubs im Saarland. Schwerpunkte sind dabei die Qualifizierung der Ehrenamtlichen, die Lobbyarbeit, Bereitstellung von Material sowie Projekte gegen Rechtsextremismus.
Die Jury prämiert mit dem ersten Preis den modellhaften Ansatz in der landesweiten Unterstützung ehrenamtlich betriebener Jugendzentren. Dabei wird aus Sicht der Jury der Ansatz "Ehrenamt für Ehrenamt" verwirklicht. In dem Projekt werden - überwiegend ehrenamtlich - in institutionalisierter Weise Ehrenamtliche in breiter Form unterstützt sowie für ihre Tätigkeit befähigt und damit ehrenamtliches Engagement an vielen Stellen erst ermöglicht.
Darüber hinaus wertet die Jury den Gedanken der landesweiten Vernetzung sowie die ersten Ansätze für eine bundesweite Vernetzung positiv.
Erfolgsrezept: Netzwerk
"Selbstverwaltet": Das Wort kommt ja erst mal ziemlich grau daher. Leben kommt aber in die Sache, wenn man es zu dem Wortpaar "selbstverwalteter Jugendtreff" erweitert: Für Kinder und Jugendliche bedeutet das: Wir schaffen uns einen Raum nach unseren Vorstellungen, wir können hier machen, was wir wollen und wir tragen allein die Verantwortung und sorgen daher schon aus Eigeninteresse dafür, dass die Dinge nicht aus dem Ruder laufen. Vielen Erwachsenen hingegen läuft bei dieser Vorstellung ein eiskalter Schauder über den Rücken: Solche Treffs machen doch nur Ärger, Jugendliche brauchen Aufsichtspersonen, die sie leiten. Aus "selbstverwaltet" wird bei den Kritikern schnell "autonom" - und das, keine Frage, war ja schon immer gefährlich, subversiv, verderblich.
Im Südwesten der Republik, im Saarland, herrscht das bundesweit dichteste Netz an selbstverwalteten Jugendtreffs. Der gemeinsame Dachverband dieser Freizeiteinrichtungen ist "juz-united" - mehr als 110 Jugendzentren sind in ihm vereinigt.
Und obwohl "juz-united" seit 30 Jahren besteht, kennt man auch
hier die Vorbehalte gegen Jugendtreffs, die in Eigenregie laufen: Gerade wenn es darum geht, irgendwo ein neues Zentrum aufzubauen, treffen Jugendliche oft auf eine Front von Vorbehalten aus der Nachbarschaft oder der lokalen Politik. Statt erst mal zuzuhören ist da die totale Blockade nach dem Motto "Hier hat es noch nie so was gegeben und so soll es auch bleiben". "Wenn du als Jugendlicher da alleine stehst, hast du schlicht keine Chance", erzählt Helmut Bieg, der 1. Vorsitzende von "juz-united".
Von wegen Politikverdrossenheit der Jugendlichen: So einen Treff zu gründen ist echt ein Grundlehrgang in Sachen Demokratie. Da lernt man einfach die verschiedenen Möglichkeiten, seine Anliegen politisch durch zu kriegen. Als Netzwerk hat man dabei eine ganz andere Verhandlungsposition. Über eine Handvoll Jugendlicher meinen manche Kommunalpolitiker einfach hinweg sehen zu können, doch als Dachverband stehen im Grunde Tausende Jugendlicher hinter dir. Und wenn die das nicht merken, dann gehen wir auch schon mal auf die Straße und organisieren Demos. Wenn von außen dann hörbarer Druck kommt, dann bewegt sich innen auch fast immer was, führt der 23-jährige aus und man merkt ihm an, dass er diesen "Grundlehrgang" schon einige Male gemeistert hat.
Explosive Vorurteile und handfeste Antworten
Ärger gibt es aber auch immer wieder bei bestehenden Jugendtreffs, berichtet Kathrin Prams vom Verband. Das häufigste sind Beschwerden wegen Lärmbelästigungen, und da sind wir dann schon so eine Art Nothelfer, wenn es um rechtliche Fragen oder Verhandlungen mit der Polizei geht. Was die Diskussionskultur zwischen Nachbarn und Jugendlichen angeht, könne keine Rede sein von einer Vorbildfunktion der Erwachsenen, ergänzt Helmut Bieg. Der härteste Spruch eines Nachbarn war: "Mir schmeiße ne Hanngranade in eure Kommunischte-Bunker". Dialekt hin und her, wirklich freundlich ist das in keiner Mundart.
Die besten Argumente gegen Engstirnigkeit und Vorurteile liefert "juz-united" aber schlicht dadurch, dass sie für die Jugendlichen und ihre Treffs eine Menge voran bringen. Neben der Beratung bei neuen Vereinsgründungen bietet "juz-united" den Ehrenamtlichen die Ausbildung zur JugendleiterIn an. Durch Treffen auf Kreis- oder Landesebene bringt der Dachverband die einzelnen Treffs in Kontakt, so dass die Jugendlichen gucken können: was machen die anders,wo können wir gemeinsam was machen. Vernetzung im lokalen Bereich, aber auch weltweit: In den Internetcafés, die "juz-united" bereitstellt, können Jugendliche im World Wide Web surfen und sich international Anregungen für die Jugendarbeit vor Ort holen.
Projekte, Pressearbeit und Punk
Darüber hinaus liefern die Saarländer mit Seminaren und Projekten ein starkes Bildungsprogramm und gehen dabei auf die Probleme der einzelnen Jugendtreffs ein: "Die Jugendzentren nennen uns Themen, die vor Ort gerade brennen. Und wir stellen mit ihnen ein Programm auf, organisieren Referenten und Info-Material", erläutert Helmut Bieg. Seit Jahren ein notwendiges Dauerprojekt ist das Thema Rechtextremismus und Rassismus. "Dazu haben wir eine Wanderausstellung aufgestellt, die über das Saarland hinaus durch die ganze Bundesrepublik gegangen ist. Und wir haben verschiedene Aspekte des Themas beleuchtet wie die geschichtlichen Ursprünge, Migrationsursachen oder Abschiebepraxis," so Bieg. Dabei achtet das Netzwerk auch immer darauf, dass die Themen auf die konkreten Erfahrungen der Jugendlichen runter gebrochen werden: Wie sieht's aus mit unterschiedlichen Kulturen im Jugendzentrum vor Ort?
"juz-united" vermittelt den Jugendlichen aber auch praktisches Knowhow: In Workshops lernen die Kids, wie man Öffentlichkeitsarbeit betreibt und Pressemitteilungen schreibt - schließlich will der nächste Veranstaltungshinweis des Treffs ja auch in der Zeitung platziert sein. Und für den späteren Werdegang gibt es in Seminaren Tipps für die Berufswahl und Bewerbung.
Eigenregie ist der Clou
Keine Frage: Die Jugendtreffs, die in dem Netzwerk zusammengeschlossen sind, haben sich vielerorts zu einem zentralen Bestandteil der kulturellen und sozialen Infrastruktur entwickelt. Die vielfältigen Projekte - vom gemeinsamen Frühstück bis zum Punk-Konzert, vom Suchtpreventions-Seminar bis zum Rhetorikkurs - zeigen, was Jugendliche in Eigenregie alles auf die Beine stellen. Hier wird gelernt, Projekte werden geplant, es wird gefeiert. "juz-united" liefert dafür Anregungen und zeigt Wege zur Umsetzung auf, doch nicht zuletzt sind die Jugendlichen vor Ort immer auch selbst gefordert: Ihr Einsatz, ihre Ideen und ihr Engagement sind gefragt. Gerade der eigenverantwortliche Charakter der Arbeit regt die Kids dabei offenbar ungemein an, für sich und für andere aktiv zu werden.
"Wenn man am Ende sieht, was man geschafft hat, dass man trotz Ärger und Mühen etwas durchgezogen hat, dann überkommt einen soviel Energie und Selbstbewusstsein, dass man gleich weiter machen will", sagt Kathrin Prams abschließend und lächelt.
"Selbstverwaltet" - das scheint am Ende vor allem eines zu bedeuten: Motivation, Dinge voran zu bringen!