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Erklärung des Verbandes saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung (VSJS) zu den Auseindandersetzungen um ein selbstverwaltetes Jugendzentrum in Neunkirchen
Mit großer Enttäuschung hat der Verband saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung die Aussagen des Oberbürgermeisters der Stadt Neunkirchen, Herrn Friedrich Decker, zur Auseindandersetzung um ein selbstverwaltetes Jugendzentrum registriert.
Der VSJS möchte mit folgender Stellungnahme auf die Argumente des Oberbürgermeisters detailliert eingehen.
"Selbstverwaltete Jugendzentren funktionieren immer weniger"?
Kein anderes Feld der Jugendarbeit hat in den neunziger Jahren solche Wachstumsraten aufzuweisen wie die Angebote der selbstverwalteten Jugendzentren und Jugendtreff. Im Saarland gibt es mittlerweile fast 100 selbstverwaltete Einrichtungen, in denen sich mehr als 1000 Jugendliche oft täglich ehrenamtlich engagieren. In den letzten Jahren haben sich solche Treffs fast flächendeckend zu zentralen sozialen Freizeiteinrichtungen für Jugendliche im Saarland entwickelt. Wie Herr Decker angesichts dieser Entwicklung zu der Aussage kommt, solche Einrichtungen funktionierten heute immer weniger, ist uns daher rätselhaft. Zumal den in den Treffs aktiven Jugendlichen damit von offizieller Seite ihr Engagement und ihre Kompetenz abgesprochen wird. Oder ist Herr Decker einfach schlecht informiert?
Selbstverständlich sind auch Jugendzentren kein konfliktfreier Raum. Sie sind mit den unterschiedlichsten Problemlagen in unserer Gesellschaft konfrontiert (Arbeitslosigkeit, Gewalt etc.), sie müssen sich um die Finanzierung ihrer Arbeit kümmern, sie tragen große Verantwortung gegenüber den jungen Menschen, die diese selbstverwalteten Freizeiteinrichtungen besuchen. Konflikte in Einrichtungen der offenen Jugendarbeit gehören zum Alltag. Hier Kompromisse und Arrangements zu finden, fordert Erfindungsreichtum. Gleichzeitig sind diese Prozesse ein wichtiges Lernfeld für die beteiligten Jugendlichen.
Selbstverwaltung als soziales Lernfeld
Jugendliche machen im selbstorganisierten Jugendzentrum Erfahrungen, die sie sonstwo nicht machen können. Denn durch das ehrenamtliche Engagement wird nicht nur soziale Kompetenz eingeübt, sondern auch umfangreiche praktische Erfahrung in Leitungsfunktionen quasi nebenbei erworben. Kompromißfähigkeit, Teamarbeit, Motivation und Verantwortungsübernahme sind wichtige Lernerfahrungen, die dem gesellschaftlichen Zusammenleben zugute kommen und daher Förderung verdienen.
All diese positiven Lernerfahrungen können aber nur gemacht werden, wenn die Politik den Jugendlichen einen Vertrauensvorschuß entgegenbringt und Jugendlichen die Eigenverantwortung für das Jugendzentrum überläßt.
"Zu schnell beschlagnahmen einzelne Cliquen die ganze Einrichtung"
In der Argumentation des Oberbürgermeisters wird die Pluralisierung und Ausdifferenzierung der Jugendszenen als Argument gegen ein selbstverwaltetes Jugendzentrum angebracht. Umgekehrt macht das Argument erst Sinn. Um den vielfältigen Bedürfnissen von sehr unterschiedlichen Gruppen von Jugendlichen gerecht werden zu können, muß die offene Jugendarbeit mit ihren Einrichtungen erweitert und ausdifferenziert werden. Nur so ist es möglich, Zugänge und Teilhabe für Jugendliche unterschiedlicher Szenen zu eröffnen.
Das Postulat der "allgemeinen Offenheit", die Forderung möglichst alle Jugendlichen anzusprechen und zu erreichen hat sich historisch überholt.
Für die Stadt Neunkirchen ist neben den betreuten Einrichtungen ein selbstorganisiertes Jugendzentrum angesichts der Bedarfsmeldungen offensichtlich notwendig. Mit den von den Jugendlichen formulierten Schwerpunkten (offener Jugendtreff, Jugendkulturarbeit, Intertnetcafé) ist ein über einen Cliquentreff hinausreichendes Angebot formuliert welches noch konzeptionell untermauert werden muß.
Negativbeispiele
Die genannten Negativbeispiele sind, ohne die zur Selbstverwaltung als Lernfeld notwendigen internen Krisenprozesse beschönigen zu wollen, leider auf eine Fehlwahrnehmung der Öffentlichkeit zurückzuführen. Wenn ein Jugendzentrum jahrelang gut läuft, mit einem erstaunlichen Pensum ehrenamtlich geleisteter Arbeit der Aktiven, wird dies in der Öffentlichkeit so gut wie nie wahrgenommen oder wertgeschätzt. Sobald allerdings, vielleicht aufgrund eines Generationenwechsels, die Einrichtung nicht mehr ordnungsgemäß verwaltet wird ist die Aufmerksamkeit der Politik und Öffentlichkeit wieder geweckt. Jugendzentren eignen sich nicht als Sündenböcke für eine verfehlte Jugendpolitik.
Unterstützungsmöglichkeiten
Der VSJS hat neben der Beratung und Hilfestellung in den letzten Jahren weitergehende Modelle zur Unterstützung der Selbstverwaltung entwickelt. So werden in einigen Jugendzentren Zivildienstleistende zur Unterstützung der Ehrenamtlichen eingesetzt (im Kreis Neunkirchen in den Jugendzentren Illingen und der Gemeinde Eppelborn). Ein weitergehendes Modell ist die bedarfsorientierte Bereitstellung einer Fachkraft, welche auf Wunsch pädagogische Hilfestellung gibt ohne die ehrenamtlich Aktiven zu bevormunden. Ziel der Unterstützungsarbeit des Verbandes ist die Stabilisierung und Wahrung der Kontinuität des offenen Angebotes der Jugendzentren auch in Krisenphasen.
Zur Weiterentwicklung der Jugendzentrumsangebote bemüht sich der VSJS im Rahmen des Projektes "Jugendzentren in´s Netz" die Jugendtreffs sukzessive mit Internetcafés auszustatten, um allen Jugendlichen, unabhängig vom eigenen Einkommen oder dem Einkommen der Eltern, den Zugang zum Internet zu ermöglichen. Im Kreis Neunkirchen werden in diesem Jahr die Jugendzentren/Jugendtreffs in Illingen, Ottweiler und Steinbach mit Internetcafés ausgestattet. Auch in Neunkirchen ist die Einrichtung eines Internetcafés durch den Verband möglich.
Die "negativen Erfahrungen aus der Vergangenheit"
Wenn Herr Decker die Probleme mit dem ehemaligen Jugendzentrum aufarbeiten möchte, sollte er sich vertrauensvoll an das damalige Vorstandsmitglied und heutigen Stadtverbandspräsidenten Herrn Michael Burkert wenden und die damaligen Probleme nicht auf dem Rücken der heute aktiven Jugendlichen austragen.
Der "Landkreis als Jugendhilfeträger erster Ansprechpartner für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum"?
Im Sinne einer vom Gesetzgeber erwünschten Pluralität geht das Jugendhilferecht davon aus, daß Leistungen der Jugendhilfe, zu denen die Angebote der Jugendarbeit gehören, (§2 Abs. 2 Ziff 1 KJHG), in erster Linie nicht von den örtlichen öffentlichen Trägern, sondern von anerkannten Trägern der freien Jugendhilfe erbracht werden sollen und zwar eigenständig und selbstverantwortlich (§ 4 KJHG). Insbesondere Jugendverbände und Jugendruppen, (z.B. Jugendzentrumsinitiativen) sind bei ihrer originären Tätigkeit in der Jugendarbeit zu unterstützen, da sie in besonderer Weise Anliegen und Interessen junger Menschen zum Ausdruck bringen und vertreten, dem Prinzip der Betroffenenorientierung entsprechen sowie ehrenamtliches Engagement fördern (vgl. §§ 12, 74 Abs.4, 73 KJHG).
Durch ihre Selbstorganisation in Initiativgruppen nehmen junge Menschen ihr Leben selbst in die Hand, vertreten ihre Interessen, setzen an ihren spezifischen Bedürfnissen an. Dies will und fördert das Kinder- und Jugendhilfegesetz, es unterstützt damit die Entwicklung eigenverantwortlicher und gemeinschaftsfähiger Persönlichkeiten und ermöglicht gesellschaftliche Mitverantwortung (vgl. §§1, 11 KJHG). Die Lebenswirklichkeit junger Menschen ist somit wesentlicher Anknüpfungspunkt für Aktivitäten in der Jugendarbeit (§§ 11, 12 KJHG).
Kooperation statt Kontrolle
Im Rahmen ihrer Gesamtverantwortung (vgl. § 79 KJHG) der öffentlichen Träger sollte deren Jugendarbeit infrastrukturell und koordinierend orientiert sein. In jedem Falle sollen Kommunen und Träger der öffentlichen Jugendhilfe mit freien Trägern zum Wohle junger Menschen vertrauensvoll und partnerschaftlich zusammenarbeiten (vgl. § 4 Abs. 1 KJHG). Angesagt ist gegenseitige Information, Kooperation und Ergänzung und nicht Kontrolle.
Die Kooperation zwischen Jugendzentrum und der Stadt kann z.B. in einem regelmäßig tagenden, paritätisch besetzten Beirat mit beratender Funktion institutionalisiert werden. So können Konflikte zwischen Jugendzentrum und Stadt frühzeitig aufgefangen und moderiert werden.
Engagement Jugendlicher unerwünscht?
Fatal ist nach Ansicht des VSJS das gesellschaftliche Signal, welches von den Äußerungen des Oberbürgermeisters ausgeht. Jugendlichen, die sich für ihr Gemeinwesen einsetzen, indem sie eine von allen Seiten als notwendig erachtete Freizeiteinrichtung selbst organisieren wollen, wird durch das Vorgehen des Oberbürgermeisters ziemlich brutal deutlich gemacht, daß ihr Engagement nicht gefragt ist. Jugendliche und junge Erwachsene nehmen sehr genau wahr, wenn Politiker nur noch Rituale praktizieren, in Sonntagsreden auf das fehlende Engagement der Jugend für die Gemeinschaft hinweisen, und gleichzeitig die konkreten Partizipationswünsche der Jugendlichen schroff zurückweisen ohne auf die Gesprächsangebote der Jugendinitiative auch nur einzugehen.
Ob gewollt oder nicht gewollt, Jugendliche sind immer das Fundament der zukünftigen Gesellschaft. Werden sie mit ihren Interessen und Bedürfnissen ernst genommen, wird ihnen "Raum" geboten um ihr soziales Umfeld selbst aktiv zu gestalten, kann dies eine wichtige politische Sozialisationsinstanz werden, die Jugendliche langfristig als Träger der Demokratie qualifiziert. Die "Argumente" des Oberbürgermeisters sind dagegen ein deutliches Beispiel für die in der letzten Shell-Jugendstudie festgestellten Entwicklung, daß wir es, entgegen der vielzitierten Politikverdrossenheit Jugendlicher, offensichtlich mit einer Jugendverdrossenheit der Politiker zu tun haben.
Mit der Ausgrenzungsstrategie des Oberbürgermeisters wird verdeutlicht, wie Probleme, die die Gesellschaft mit Jugendlichen hat, von der Politik selbst produziert werden indem die Bedürfnisse und Interessen der Jugendlichen ignoriert werden.
Hier ist gerade dann mehr Toleranz für die Jugend gefragt, wenn sie sich aktiv und mit eigenen Ideen für das Gemeinwesen engagieren möchte.
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